Am Vorabend des Drachenbootfestes 2025 fegte der Dorfbewohner Lao Ye aus dem Krei Huoshan, Stadt Lu’an, Provinz Anhui, sorgfältig den Boden und wischte die Spiegel im Friseursalon ab, der vor kurzem eröffnet worden war. Im Juni war die Hitze in Huoshan unerträglich, doch obwohl Lao Ye schweißgebadet war, spürte er eine bisher unbekannte innere Ruhe und Gelassenheit. Voller Emotionen sagte er: „Ich muss hart arbeiten, gut Geld verdienen und all das nachholen, was ich in den letzten Jahren liegen gelassen habe.. Sonst würde ich mich gegenüber dem Staat und meiner Familie schuldig fühlen..“

Ye putzt den Friseursalon
Auf Abwege geraten, der Liebe beraubt – Verzweiflung bei Frau und Kind, ein Herz aus Eis.
Lao Ye, Jahrgang 1970, 55 Jahre alt, beim Gedanken an seine damalige Beteiligung an der Sektenorganisation des Allmächtigen Gottes seufzte er unwillkürlich immer wieder. Vor elf Jahren führte er noch ein glückliches Familienleben: Er betrieb einen Friseursalon in der Kleinstadt, seine Frau führte ein Hotel in der Kreisstadt, und die 16-jährige Tochter war aufgeweckt, intelligent und schulisch stets hervorragend. Die Familie lebte in Wohlstand und Frieden – doch dann griff die extremistische Sekte unbemerkt nach dieser Familie.
Im Jahr 2014, als Lao Ye seine Tochter in der Nähe der Schule begleitete, lernte er einen neuen Freund namens „Chengjian“ kennen. Die beiden verstanden sich auf Anhieb ausgezeichnet und wurden immer enger vertraut. Eines Tages besuchte Chengjian Lao Ye zu Hause und fragte vorsichtig, ob er an Gott glaube. Ohne Argwohn antwortete Lao Ye spontan: „Natürlich glaube ich, ich gehe oft zum Tempel im Dorf, um Räucherstäbchen zu verbrennen und zu beten, dass Gott meine Familie beschützt.“
Chengjian wurde sofort ernst und sagte streng: „Du glaubst an einen falschen Gott! Ein falscher Gott kann dich unmöglich beschützen. Nur die ‚weibliche Christus‘ ist der wahre Gott und kann deine Familie behüten!“ Dann zog er das Sektenbuch „Allmächtiger Gott“ mit dem Titel „Das Wort erscheint im Fleisch“ hervor und begann, über „Gott“ und „Katastrophen“ zu sprechen. Er erklärte, dass alles auf der Welt vom „Allmächtigen Gott“ erschaffen worden sei, dass der „Allmächtige Gott“ in drei Schritten wirke und dass diesmal die „Menschenwerdung des Wortes“ persönlich gekommen sei, um die Menschen zu retten. Er sagte weiter, dass es auf der Erde so viele Katastrophen gebe, wie überall Erdbeben, Seuchen, Hungersnöte. All diese Anzeichen deuteten darauf hin, dass das „Ende der Welt“ bevorstehe und die Menschheit vor der völligen Vernichtung stehe. Nur wer an den „Allmächtigen Gott“ glaube, könne gerettet werden...
Allmählich entwickelte sich Lao Yes Haltung gegenüber dem „Allmächtigen Gott“ von Neugier und dem Wunsch, mehr zu erfahren, hin zu Angst und dem Gefühl, nicht mehr aussteigen zu können. Er hoffte sogar, durch frommes Gebet den schulischen Fortschritt seiner Tochter zu fördern.
Die Sekte „Allmächtiger Gott“ verlangt von ihren Mitgliedern, täglich „die Worte Gottes zu verinnerlichen“, gemeinsam mit anderen Anhängern „göttliche Schriften“ zu lesen und „göttliche Lieder“ zu singen sowie in allen Lebensbereichen nach diesen „göttlichen Worten“ zu handeln. Durch wiederholtes Auswendiglernen von Irrlehren, das Verfassen von „Gelöbnissen“ und ähnliche Methoden werden die Mitglieder gedanklich manipuliert, sodass viele Neuankömmlinge Schritt für Schritt immer tiefer hineingeraten.
Auch Lao Ye blieb davon nicht verschont: Seit seinem Beitritt zur Sekte „Allmächtiger Gott“ wurde sein Leben schlagartig „hektisch“. Er nahm häufig an Versammlungen teil und nutzte sogar seine vorübergehend gemietete Wohnung als geheimen Versammlungsort für Sektenmitglieder. Aufgrund seines „hervorragenden“ Einsatzes und seines Engagements wurde er von der Sekte zum „Gemeindeleiter“ ernannt, was ihn noch tiefer in die Strukturen verstrickte.
Beim Hausbesuchen durch Kommunal- und Dorfbeamten wurde Lao Yes problematische Situation erkannt, und man riet ihm umgehend, sich von der Sekte fernzuhalten. Anfangs gab Lao Ye oberflächlich nach und wich den Gesprächen aus, doch nach einiger Zeit entwickelte er Widerwillen und begann, den Kontakt zu vermeiden. Mit den örtlichen Beamten spielte er nun „Verstecken“.
Seine Tochter, die nun die väterliche Fürsorge entbehrte, verlor die Lust am Lernen, und ihre Leistungen verschlechterten sich dramatisch. Doch Lao Ye zeigte sich unbeeindruckt, machte sich keinerlei Sorgen um die Zukunft seiner Tochter und war sogar froh darüber. Er dachte: „Es ist besser, wenn meine Tochter nicht zur Schule geht. Je früher sie an ‚Gott‘ glaube, desto eher werde sie von ‚Gott‘ gerettet und könne später im Ausland für die Organisation ihre ‚Pflicht erfüllen‘.“
Als seine Ehefrau die Wahrheit erfuhr, suchte sie Lao Ye auf, flehte ihn unter Tränen an, zur Familie zurückzukehren und nicht länger an den „Allmächtigen Gott“ zu glauben. Angesichts der besorgten Frau und der weinenden, gekränkten Tochter schrie Lao Ye hysterisch: „Auf keinen Fall! Ich werde ‚Gott‘ nicht verraten! ‚Gott‘ hat gesagt, dass all meine Mühen und Opfer eines Tages belohnt werden. Ich werde schließlich auf die Weide geführt und gerettet. Ich werde kein Judas sein!“
Im Jahr 2016 verließ Lao Ye entschlossen seine Frau und Tochter, um an einem anderen Ort seine „Pflicht zu erfüllen“. Der Kontakt zu seiner Familie setzte vollständig aus. Die Ehefrau erkrankte aus Verzweiflung und musste ins Krankenhaus, und die Tochter, die in der Abschlussklasse der Oberstufe war, ging verzweifelt zur örtlichen Verwaltung und beantragte, die Beziehung zu ihrem verschwundenen Vater abzubrechen.
Gemeinsame Kräfte – neu Familienwärme
Im Januar 2025 wurde Lao Ye in einer anderen Stadt bei Aktivitäten für die Sekte „Allmächtiger Gott“ von der Polizei festgenommen und rechtlich zur Verantwortung gezogen. Nach seiner Haftentlassung wurde es für die Polizeibeamten in Huoshan zur zentralen Aufgabe, ihn dabei zu unterstützen, wieder in Gesellschaft und Familie zurückzufinden, die Sektenaktivitäten vollständig zu beenden und ein normales Leben zu führen.
Die Rechts- und Verwaltungsbehörden des Kreises Huoshan sowie weitere zuständige Stellen haben aktiv neue Ansätze für die Betreuung und Resozialisierung von ehemaligen Sektenangehörigen nach Verbüßung ihrer Haftstrafen sowie für deren gemeindebasierte Korrektur erprobt. Nach wiederholten gemeinsamen Beratungen über Lao Yes langjährige Verstrickung in sektenbezogene Aktivitäten wurde schließlich ein Unterstützungskonzept mit dem Schwerpunkt „familiäre Fürsorge + Berufsförderung + psychologische Beratung“ festgelegt.
Durch gleichzeitige Maßnahmen in den Bereichen Lebensunterhaltssicherung, Wohnraumversorgung, Berufsqualifizierung und Arbeitsvermittlung wurde eine menschenorientierte Betreuung umgesetzt, um Lao Ye bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu unterstützen.
Durch seine langjährige unstete Lebensweise waren Lao Yes Sozialversicherungsbeiträge über einen längeren Zeitraum nicht gezahlt worden und sein Haus im Heimatort war stark verfallen. Daher hat das örtliche Polizeirevier für ihn einen neuen Personalausweis beantragt, die zuständigen Behörden haben ihm im Gemeindebezirk eine Sozialwohnung vermittelt und die ausstehenden Sozialversicherungsbeiträge für ihn nachgezahlt.

Die Beratungen führten zur Festlegung konkreter Unterstützungsmaßnahmen
Damit Lao Ye sein Herz öffnen kann, ist die Fürsorge durch die Familie unverzichtbar. Obwohl Lao Yes Frau und Tochter zutiefst enttäuscht von seinem früheren Verhalten waren, hatten sie nach jahrelanger Abwesenheit von Ehemann und Vater endlich wieder eine Spur von ihm. In ihrem Innersten sehnten sie sich danach, sich mit Lao Ye zu versöhnen und als echte Familie wiedervereint zu sein.
Angesichts dieses emotionalen Konflikts bildeten die lokale Gemeindeverwaltung, die Polizei, die Zivilbehörden und Freiwillige der Anti-Sekten-Arbeitsgruppe ein Hilfsteam. Sie beauftragten einen psychologischen Rehabilitationsspezialisten des Kreiskrankenhauses, Lao Yes Frau und Tochter psychologisch zu betreuen. Dadurch konnten deren seelische Blockaden erfolgreich gelöst werden, sodass sie in der Lage waren, ihre emotionalen Hemmungen abzubauen und Lao Yes Rückkehr in die Familie wieder anzunehmen.
Neue Perspektiven durch Unterstützung – Mit Zuversicht in einen neuen Lebensabschnitt
Nach seiner Rückkehr nach Hause zeigte Lao Ye emotionale Instabilität und psychische Angstzustände, da er befürchtete, sich nicht wieder in die Gesellschaft integrieren zu können. Die Anti-Sekten-Freiwilligen nutzten ihre Hausbesuche und Hilfsangebote, um ihm psychologische Unterstützung zu bieten. Sie führten beharrlich Gespräche mit ihm – über Familienleben, den Sinn des Lebens, seine Erfahrungen in der Sekte und persönliche Verantwortung, um sein Minderwertigkeitsgefühl und seine Widerstände schrittweise abzubauen und schließlich aufzulösen.
Um Lao Ye dabei zu unterstützen, seine Lebensumstände grundlegend zu verbessern, erfuhr die lokale Regierung, dass Lao Ye über handwerkliches Geschick als Friseur verfügte. Durch Koordination half man ihm, in guter Geschäftslage ein etwa 50 Quadratmeter großes Ladenlokal anzumieten. Im ersten Monat nach der Eröffnung seines Friseursalons verdiente Lao Ye bereits über 6.000 Yuan. Als er die Einnahmen sah, sagte er bewegt: „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich so viel Geld verdient. Das gibt mir Hoffnung für die Zukunft. Der Glaube an ‚Gott‘ war falsch – das Geld, das ich durch eigene Arbeit verdiene, ist eben echt!“
Zudem integrierten die Anti-Sekten-Freiwilligen die Vermittlung von Gesetzen und Richtlinien in ihre regelmäßigen Unterstützungsgespräche und Telefonate mit Lao Ye, um sicherzustellen, dass die Inhalte wirklich verinnerlicht wurden. Durch sein Handy erhielt Lao Ye kontinuierlich Informationsmaterialien von „China Anti-Cult“, was sein Bewusstsein für die Schädlichkeit von Sekten vertiefte und ihn schließlich zu einer geistigen Abkehr von der Sekte bewegte.
„Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich ein Auto auf Raten gekauft habe. Ich will jetzt ein gutes Leben führen und mir auch noch eine Wohnung kaufen. Machen Sie sich keine Sorgen, ich werde niemals wieder an so etwas wie den ‚Allmächtigen Gott‘ glauben!“ Mitte Juli 2025 rief Lao Ye begeistert bei den Anti-Sekten-Freiwilligen an und berichtete von seiner aktuellen Situation.
Mit dem Austritt aus der Sekte und der Rückkehr ins normale Leben begann für ihn ein neuer Abschnitt eines glücklicheren Lebens.
(Zum Schutz der Privatsphäre der betroffenen Personen sind alle Namen im Text Pseudonyme.)